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Publikation: Liebesorganisation und Verarbredungskulturen im Internet

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Basierend auf der Veranstaltung DATING. 21 entsteht nun eine Publikation im transcript Verlag, Erscheinungstermin ist 2007. Thema des Buches sind die aktuellen, über das Internet gesteuerten Verabredungsstrategien, ihre Analyse aus der Perspektive unterschiedlichster Disziplinen.

Konzeptskizze
Marc Ries Hildegard Fraueneder

Wie kommen in der Gegenwart Menschen – Begehrende, Einsame, Geschäftemachende, Politischdenkende, Arbeitssuchende – zusammen, wie verabreden sie sich, wie gelingt ein Date? Immer mehr Menschen verfolgen heute bestimmte Strategien des medien-technisch geleiteten Suchens, Findens, Adressierens, Veröffentlichens um andere Menschen zu treffen.

Eine These: Je grösser und unübersichtlicher das Kollektiv, die Welt, um so anonymer, partikularisierter der Einzelne, um so mehr bedarf es Techniken des Sichtbarmachens der Anderen und Techniken der Verabredung mit Anderen. Anders gesagt: Je massiver der Zwang zur Individualisierung (individere), um so dringlicher werden raffinierte Stragien der „Teilung“ (dividere), des sich Sich-Mitteilens und des Sich-Treffens, werden subjektive wie politische Strategien temporärer Entindividuierung und Exteriorisierung, mit denen das Gemeinsame, das Zusammen wichtiger wird, als das Alleinsein, die „konstruierte Selbstverwirklichung“ (Honneth).

Vor allem das Internet übernimmt die Aufgabe eines weltumspannenden relationalen Raumes, der über unterschiedliche konnektive Techniken gegenseitige Wahrnehmung und Begegnung ermöglicht. Adressen sind zunächst nicht bekannt, Informationen ersetzen den Erstkontakt. Dann jedoch sind es gerade die Körper, nicht die Informationen, die aufeinander treffen wollen.

Die bürgerlich-kapitalistische Kultur ist eine Kultur der Verabredung. Die bürgerliche Gesellschaft hat mit Aufklärung und Humanismus die Beziehungen zwischen den Menschen, den Geschlechtern und Klassen sukzessive demokratisiert, sie in Wahlbeziehungen überführt. Und sie hat die Verabredung selbst säkularisiert. Die Orte der Begegnung mit Gott wurden um Orte der Begegnung der Menschen untereinander und mit dem gesellschaftlichen Geschehen ergänzt. Die Kultur der Öffentlichkeit ist stets auch eine der Verabredung mit dem unbekannten Anderen, dem Andersdenkenden. Medien haben dabei kontinuierlich eine prägnante Rolle gespielt: Der Briefverkehr, die Zeitungen, die Tanzlokale, dann das Kino, das Telefon, Fernsehen, Internet. Jedoch ist in der historischen Perspektive unklar, ob die Medien nun den selbstbestimmten Umgang nur verstärken oder aber bereits Indiz dafür sind, dass hier auch eine neue „Not“ sich bemerkbar macht, die Angst, in der Anonymität der Städte, im Getriebe der Arbeit und Verwaltung zu „verschwinden“, unsichtbar zu werden und also Techniken der Kommunikation und der Verabredung auch neue Bedürfnisse und Kompensationen mitbedingen. Dass die Menschen „frei“ zirkulieren, ist wohl nur im Zusammenhang damit zu sehen, dass auch die Waren frei zirkulieren.

Die kapitalistische Ökonomie hat die Verabredung für ihre Zwecke instrumentalisiert. Marx: Die Produktion produziert nicht nur eine Ware für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für die Ware. Die Produktion produziert daher gleichfalls die Konsumtion, indem sie die Weise der Konsumtion bestimmt. Diese Weise ist heute und modern gesprochen das „Display“. Von den Schaufenstern der Passagen über die Werbung in den Medien bis hin zur Internetseite von Ebay werden die Waren ausgestellt, sind sie auf der Suche nach ihren Käufern, bzw. erzeugen allererst ein Bedürfnis für sich, erzeugen ein Konsumenten-Subjekt. Die Ware verabredet sich mannigfaltig mit den Konsumenten. Die Verabredung ist Teil ihrer Produktion. Das Display displayed/inszeniert die Ware und evoziert damit ein Bedürfnis nach ihr. D.h. die Ware verabredet sich nicht mit einem bereits existierenden Käufer, sondern diesen Käufer stellt sie idealiter über ihre Inszenierung erst her.

Diese Struktur der Verabredung: Sich mit jemandem Verabreden, den man nicht kennt, also sich Verabreden mit dem Unbekannten, auch mit der Kontingenz, diese Technik der Verabredung hat ja bereits Marx mit der Prostitution in Verbindung gebracht, zum anderen scheint sie heute einer gängigen Praxis unter Menschen und mit medialen Kommunikations- und Datingtechniken zu entsprechen. Das Wissen um Ersatzidentitäten, Avataridentitäten provoziert geradezu die Konstruktion/Projektion von Wünschen und Idealen auf den Anderen. Weblogs warten auf ihre Leser, verabreden sich mit den Lesern -– auch zum Zwecke eines Teilens. Jedoch ist die neue Sehnsucht auch eine der realen Begegnung, der tatsächlichen Sichtbarkeit, Wahrnehmbarkeit und Austauschbarkeit mit dem Anderen. Die Zeichen und Informationen haben die Dinglichkeit der Waren überformt und ersetzt, nun sind es wiederum die Körper der sich verabredenden Menschen, die die Information, das Zeichen überwinden und in den Genuß des „Realen“ wollen.

Die Publikation will der medial gelenkten Verabredung unserer Zeit nachspüren, ihre kulturhistorischen Ursprünge offen legen, „Medium“ und „Verbindung“ aus der Sicht einer politischen Medientheorie befragen, die übers Internet geführte Trieb-, Affekt- und Liebesorganisation, damit die geschlechtlich codierten „Körperkonstruktionen“ untersuchen, die Bezüge von einem arbeitsmarktorientierten Kompetenzdiskurs zu einem liebesorientierten Eigenschaftendiskurs aufzeigen. Zugleich wird die Relevanz der Dating-Plattformen vor dem Hintergrund der Netzentwicklung (Web 2.0) und der Frage nach den Besitzverhältnissen diskutiert und die Ästhetik, Gestaltung und Usability der Plattformen einer genauen Betrachtung unterzogen werden.


Topics

Eine Kulturgeschichte der Verabredung
Die bürgerliche Gesellschaft als eine Kultur der Verabredung, der Begegnung beschreiben: Vom Briefeschreiben übers Eisenbahnfahren und Tanzen zum Rendez-vous in der Fernsehserie und auf der Datingplattform. Auch eine Archäologie technischer Medien als Medien der Verabredung.

Konnektive Techniken
Zwei Techniken des Internet regulieren Verabredung und Aufmerksamkeit:
• Die >Suchenden<. Suchmaschinen und Datingmaschinen sind jene Werkzeugen, die heute das Gelingen einer Verabredung steuern, gestalten, ermöglichen. Über google verabrede ich mich mit der gewünschten Information, über love.at mit dem gewünschten Partner.
• Die >Sichbarmachenden<. Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit werden heute über Techniken der Wahrnehmung, der Veröffentlichung, der Kommunikation erreicht, die jene Menschen nutzen, die sonst im Dunkel verblieben: Mailinglisten, Chatforen, Weblogs.

Begehren und Begegnung im Medienzeitalter
Eine kleine Phänomenologie medialer Trieb-, Affekt- und Liebesorganisation. Verabreden, Begegnen und Zusammenkommen im Kino, im Fernsehen, im Netz.

Verabredung der Ware, der Information, der Körper mit...
Zu fragen ist, ob die Warenästhetik, die Verabredung mit dem Unbekannten bzw. seine Konstruktion als Käufer, sich übertragen lässt auf die Informationsindustrie der Such- und Dating-Techniken, ob also die digitale Ökonomie der Verführung den User selbst „bloß“ zum Konsumenten macht.

Zur Ästhetik von Dating-Techniken
Wie erscheint die Verabredung auf dem Interface? Wie wird sie inszeniert? Fragen der Gestaltung, des Designs, der Tools, der Navigation von Connect-Plattformen, Chatforen, Blogs.

Psychologie der Exteriorität.
Welche „Psyche“ formt sich, wenn die Begegnung nicht mehr an die eigenen Ressourcen, sondern an die einer exterioren Medienmaschine delegiert werden? Möglicherweise lässt sich eine Verschiebung beobachten von einer „Tyrannei der Intimität“ zur Feier einer konnektiven Performanz von Programmen und zur Ausbildung einer „Herrschaft der Exteriorität“?

Das Geschlecht, die Maschine und die Verabredung
Soziologie der geschlechtsbezogenen Nutzung von Medientechniken der Verabredung.

Created by ras
Last modified 2007-01-02 14:31