Vortrag
Roland Alton-Scheidl Fachhochschule Vorarlberg Beitrag zum Symposium DATING.21 am 25. März 2006 in Salzburg
Wem gehören die Beziehungen im Netz?
Über die Adhäsionskräfte im Web 2.0
Ja, wir leben in einer Netzwerkgesellschaft [vanDijk1999]. Private und geschäftliche Beziehungen werden zunehmend medial und virtuell vermittelt. Beziehungs-Broker lesen heute aus dem Geflecht unsere Gewohnheiten ab und verkaufen Profile weiter. Mit dem Einzug des Web 2.0, wo Vermittlung, Kollaboration und Bewertung zum Standard jedes Webportals werden, müssen wir die Besitzverhältnisse hinterfragen und neu organisieren. Thomas
Zur technischen Vermittlung von Beziehungen im 21. Jahrhundert formuliere ich zunächst drei Thesen, wir betrachten einige Fallbeispiele und entwickeln zu behandelnde Forschungsfragen.
These 1: Die zunehmende Individualisierung durch häufige Mediennutzung führt nicht zu einer prinzipiellen Vereinsamung, sondern hebt das Beziehungsleben auf eine andere Ebene. Dazu gab es in den 90er Jahren schon klare Befunde beim TV - und gilt heute erst recht für Web und mobile Kommunikation.
Die Individualisierungsdiskussion hat den Verlust von Gemeinsamkeiten so nachhaltig betont, daß Diskussionen über das Ende des Sozialen und eine Soziologie ohne Gesellschaft jeden Hinweis auf das Nicht- Individuelle als nachrangig erscheinen ließen. Nicht nur, aber gerade das Fernsehen ist ein gutes Beispiel für die Zusammenkunft der Mitglieder unterschiedlicher sozialer Schichten. [Jäckel1999]
Auch wenn die neuen Vermittlungstechnologien einfach zu bedienen sind, müssen wir uns darauf einlassen und ihnen viel Aufmerksamkeit widmen. Vielleicht entsteht mit dem Bewerten, Kommentieren und Empfehlen tatsächlich eine neue Kulturtechnologie des semantischen Vernetzens. These 2 lautet, dass längst nicht alle Internetnutzer an der Bildung virtueller Beziehungsnetze teilnehmen können oder wollen. Der Organisator der ersten Blogging-Konferenz Thomas Burg warnt gar vor einer "Digitalen Spaltung zweiter Ordnung" [Sixtus2006] .
These 3: Die Schaffung und Pflege unserer privaten und geschäftlichen Beziehungen legen wir zunehmend in die Hände von Vermittlern - sie besitzen etwas, das wir ihnen eigentlich nicht geschenkt haben. Neue Markplätze werden geschaffen, die kaum reguliert sind. Den neuen Oligopolen muessen wir vielleicht Konzepte der Selbstverwaltung unserer Beziehungsnetzwerke entgegensetzen.
Was macht den Reiz aus, in Netzen zu leben? Camille deToledo untersucht in seinem Buch "Bonjour Tristesse" das Lebensgefühl der 25-jährigen, er vermutet das Erwachen einer neuen Romantik, die Askese erfordert, und den Reichtum der Netze huldigt.
Jeremy Rifkin, die engagierte Pythia des avantgardistischen Kapitalismus, verkündete in seinen Büchern die Ankunft eines neuen Menschen. Normalerweise kann ich mit solchen Voraussagen wenig anfangen, in diesem Fall muß ich jeodch zugeben, mich in einigen Facetten wiedererkannt zu haben. Ich bin ein *skeeze!* "Die Menschen des 21. Jahrhunderts werden sich vermutlich eher als Knoten gemeinsamer Interessen verstehen [das bin ich ein bißchen] denn als autonome Individuen im darwinistischen Überlebenskampf des freien Wettbewerbs [das bin ich gar nicht]. Persönliche Freiheit erfährt diese erste Generation der vernetzten Wirtschaft nicht im Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Eigentum und der Möglichkeit, andere auszuschließen. Freiheit definieren sie als Recht, in Netze wechselseitiger Beziehungen eingebunden zu sein [das bin ich total]." [deToledo2005], p 105f
| Tutorial: | Was sind die Merkmale des Web 2.0? |
|---|
Das Web ist in einer Renaissance, bei der sich die Regeln und Geschäftsmodelle verändern. Doppelklick ist Web 1.0, Bewertungen hinzufügen und Kommentare abonnieren ist Web 2.0. Der Begriff wurde vom O'Reilly Verlag geprägt, der nun dazu auch Konferenzen veranstaltet. Einen Überblick bietet [Angermeier2005] .
Anwendungen des Web 2.0 ...
#. sind ausschliesslich im Web, der PC verschwindet #. sind vernetzt durch eine Architektur des Mitwirkens, durch Inhalte oder kollektives Indexieren (Folksonomy) #. werden mit bestehenden Komponenten und offenen Standards entwickelt (Open Source Prinzip) #. befinden sich immerwährend im Beta-Stadium und haben keinen typischen Softwarelebenszyklus mehr #. sind einfach zu bedienen
Daten können zumeist in einer anderen Umgebung verwendet werden. Eingesetzte Protokolle sind RSS, RDF und Atom, alle auf XML basierende Technologien. Spezielle Protokolle wie FOAF (Friend of a Friend) und XFN (für soziale Netzwerke) erweiteren die Funktionalität einer Seite oder erlauben es dem Benutzer, ohne zentralisierte Seiten zu interagieren.
Das Konzept des Web 2.0 ist auch übertragbar auf andere Medien. Im Bereich Fernsehen wäre es vorstellbar, elektronische Programmführer EPG nach den Prinzipien des Web 2.0 gemeinsam zu nutzen. Bei Musik und Feature haben wir heute podCasts, die ein selektives Abonnieren von Beiträgen gestattet. Eine erste Anwendung war im Netz dazu war last.fm Michael Breidenbrücker, Gründer von last.fm und Mitarbeiter im Kompetenznetzwerk Mediengestaltung vergleicht den Service mit Amazon, wo einem Bücher vorgeschlagen werden, die andere Leute auch lesen [Sixtus2006] . Wir hören eine zufällige Zuspielung zum Musikgeschmack des Autors, basierend auf seinem bisherigen Profil.
| Fallbeispiele: | Musik, Städte, Business |
|---|
Keine Musik kann man bei musicbrainz hören. Dafür haben mehr als 200.000 Nutzer zu mehr als 4 Millionen Tracks Daten gesammelt haben. Mit Digital Fingerprints kann man sein Musikrepertoire abgleichen und so fehlende Titel erhalten. In einem Social Contract mit den Nutzern wird festgehalten, dass die gesammelten Daten immer der Allgemeinheit zur Verfügung stehen werden. Tatsächlich gibt es ein kostenloses Serviceangebot für all jene, die Metadaten über Musik verarbeiten wollen. Lediglich für grössere Nutzer wird eine Gebühr für professionellen Support verlangt. Also ein völlig selbstloses Netzwerk? Schauen wir mal hinter die Kulissen. musicbrainz wird betrieben von metabrainz , eine non-profit Foundation in Kalifornien, die sogar ihre Buchhaltung und Bilanz offenlegt. Im Jahr 2005 war der Umsatz etwa 8.000 USD, viel ist über Spenden hereingekommen. Was in der Bilanz nicht aufscheint, sind die Werte der Verträge mit Softwarefirmen, die musicbrainz als Testplattform ansehen, zum Beispiel Virtuosa in der Schweiz. Nicht uninteressant ist auch das Direktorenteam - mit Joi Ito ist einer der bekannten Investoren für Web 2.0 Technologien mit an Board.
Wesentlich klarer dürfte die Motivation bei Google liegen. Google erwägt eine Übernahme von Napster (New York Post, zitiert in Der Standard, 1.2.2006, S. 14). Damit will Google ins Musikgeschäft einsteigen, denn Napster vertreibt mittlerweile legal. Bewertet werden Firmen wie Napster nicht etwa an ihrem Umsatz, sondern an dem Beziehungsgeflecht, das sie verwalten. Die Vorzüge, die die jeweiligen Nutzer haben, zu kennen, sind heute hunderte Millionen Dollar wert.
1995 ging Craig Newmark online mit einem Online Forum, das er seither sukzessive auf alle Städte der Welt ausdehnt. Time Magazine zählt ihn zu den 100 einflussreichsten Leuten der Welt. Auf craigslist.org tummeln sich monatlich 10 Millionen Menschen: Jobbörsen, Partnerbörsen, Tauschbörsen und viel lokale Informationen. Im August 2004 hat eBay 25% Anteile gekauft. Gleichzeitig sagt er in einem Interview, dass er keine Anteile verkaufen oder an die Börse bringen möchte. "We are not planning to change our philosophy". Trauen wir ihm? Weshalb beteiligt sich eBay? Schon jetzt kennt eBay seine Kunden und Verkäufer, wie kein anderes Unternehmen, nicht nur deren Kaufgelüste, sondern auch deren Eigenschaften wie Verlässlichkeit, mit Selbst- und Fremdbewertung.
"Der Produktmarkt ist komplett abgegrast" meint Stephan Uhrenbacher, der gerade das Social Networking Portal Qype ("Quote your personal experience") aufbaut. Hier soll der Dienstleistungsmarkt qualitative Informationen von den Nutzern erhalten und vermitteln. Für Investoren offenbar ein lukratives Geschäftsfeld.
Ein rechtliches Beziehungsnetzwerk entsteht mit Creative Commons. Wer ein Werk unter bestimmten Bedingungen veröffentlichen will, kann zwischen sechs verschiedenen Lizenzen wählen, die bereits in mehr als einem dutzend Ländern auch in deren nationale Gesetzgebung integriert sind. Viele Dienste wie Limewire oder Flickr empfehlen CC. Die Marke Creative Commons ist von einer US-amerikanischen Firma registriert worden. Und im Board of Directors finden wir wieder Joi Ito.
Ein geschäftliches Beziehungsnetzwerk mit mehr als fünf Millionen Nutzern ist LinkedIn . Mit dem Slogan "Relationships Matter" erhält man wiederholt Einladungen, jemanden in sein Kontaktverzeichnis aufzunehmen Dafür sieht man, mit welchen anderen Personen sich diese bereits vernetzt hat. Leute, die man dann zum Beispiel zur Geschäftsanbahnung kontaktieren kann. Hinter LinkedIn stehen zwei Venture Capital Firmen und dreizehn Business Angels. Übrigens, mein Account auf LinkedIn lautet ras@pvl.at - wer sich unbedingt dort mit mir vernetzen möchte.
| Forschungsfragen: | |
|---|---|
| Was wir uns genauer anschauen sollten | |
Reicht das Datenschutzgesetz?
Ich kann die Streichung aus einem Verzeichnis verlangen. Dadurch kann ein Beziehungsgeflecht in der mitte aufbrechen. Keiner der hier besprochenen Anbieter von Web2.0 Services bietet diese Option an. Aktuelle Konzepte wie FOAF (Friend of a Friend, ein Projekt zur maschinenlesbaren Modellierung sozialer Netzwerke) sind bezüglich Datenschutz völig unsensibel - ein Konzept der Zugangs- und Rechteverwaltung fehlt darin. Kommt also nach dem gläsernen Mensch das gläserne Beziehungsnetzwerk?
Wie sieht das Beziehungsnetzwerk der Firmen aus, die Beziehungen verwalten?
FAS.research führt Netzwerkanalysen durch, die aufzeigen, wer sich in Schlüsselpositionen befindet. Eine Methode ist, die Schrittweite zu Vorstand- und Aufsichtsratsmitgliedern zu messen [FAS2006] . Erwartungsgemäß haben Banken die mächtigsten Positionen im Land. Sichtbar wird dadurch auch, dass die Spar AG wesentlich stärker venetzt ist als die Billa AG. Würde man statt mit Hannes Androsch eine solche Analyse mit den Web 2.0 Portalen durchführen, würde im Zentrum Joi Ito auftauchen.
Was passiert mit Beziehungen, die verkauft werden?
In Grossbritannien gehören bereits 18% des privaten Sektors sogenannten Buyout - Companies. Diese verwalten zum Beispiel Kapital von Pensionsfonds und sind auf Renditen jenseits von 10% angewiesen. Innerhalb von drei Jahren verkaufen sie üblicherweise eine Firma, die sie aufgepeppelt haben wieder, damit die Rechnung aufgeht. Die große Frage, die sich heute viele Finanzanalysten stellen: An wen werden sie verkaufen? [NYT2006] Und an wen werden dann Firmen verkauft, deren einziges Asset die Beziehungen ihrer Kunden sind?
- :Fazit
- Verkuppeln im 21. Jhd.
Beziehungen im Netz? Das klingt einerseits doch nach Heiratsvermittlung durch den Familienclan der Internet-Investoren, die es auf die Mitgift der Nutzer abgesehen haben und eine Hochzeit nach der anderen veranstalten.
| [Angermeier2005] | Angermeier, Markus: Bubble Map Web_2.0 |
| [deToledo20005] | Camille de Toledo: Goodbye Tritesse. Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen. Leipzig 2005 (Tropen). |
| [FAS2006] | FAS-Präsentation an der Fachhochschule Vorarlberg, siehe auch altonlog |
| [Jäckel1999] | Michael Jäckel: Die kleinen und die großen Unterschiede. Anmerkungen zum Zusammenhang von Mediennutzung und Individualisierung. In: Latzer, Michael et al: Die Zukunft der Kommunikation. Phänomene und Trends in der Informationsgesellschaft. Innsbruck 1999 (Studienverlag), p277ff |
| [NYT2006] | New York Times: The Great Buyout Bubble, in: Der Standard Syndication 28Nov06, p 5 |
| [Sixtus2006] | (1, 2) Sixtus, Mario: Die Humanisierung des Netzes. Der mensch kehrt sein Innerstes nach außen, falls er die Software beherrscht. In: DIE ZEIT Nr 35/2005. |
| [vanDijk1999] | Jan van Dijk, The Network Society. London 1999 (SAGE) |
