Eröffnung Mediencamp 2003
Eröffnung mediencamp.karlsplatz.at
27.6.2003, Wien
Bericht zum aktuellen Stand der medienpolitischen Entwicklung
Dipl.-Ing. Dr. Roland Alton-Scheidl
Gründer PUBLIC VOICE Lab, Studiengangsleiter InterMedia Fachhochschule Vorarlberg
Vor eineinhalb Jahren hat sich der Community Media Cluster Vienna (www.cmcv.at) formiert. Dieser Zusammenschluss von Medieninitiativen und Ausbildungseinrichtungen sollte den III. Mediensektor in Wien festigen.
In diesem Cluster haben sich einige sehenswerte Teilprojekte herausgebildet. Drei Beispiele:
1. die Produktion der [dyne:bolic] CD (www.dynebolic.org), die erst vor drei Tagen im online Magazin slashdot (www.slashdot.org) gefeatured worden ist und unsere Server wegen der vielen Downloads lahmgelegt hat
2. das EU Projekt StreamOnTheFly (www.StreamOnTheFly.org), das den Sendungsablauf und den Programmaustausch bei Freien Radios verbessert und für das wir viel internationale Beachtung erhalten
3. das Kompetenznetzwerk Mediengestaltung, in dem mit Fachhochschulen zusammengearbeitet wird.
Die Liste der Projekte liesse sich lange fortsetzen. Eines ist dabei klar geworden: die Produktionsbedingungen für Medienprojekte sind in Wien absolut unzureichend. Wir arbeiten in unpraktischen Büros, bekommen wenig oder keine Förderung von der Stadt Wien und die Gesetzeslage benachteiligt uns. Die Einsicht, den Betrieb und die Finanzierung offener Kanäle etwa durch ein Landesmediengesetz zu unterstützen, niederschwellige Ausbildungseinrichtungen einzurichten oder Forschungslabors zu unterhalten gibt es im Ruhrgebiet, in Sheffield, in Amsterdam oder in Rom, aber nicht in Wien.
Wir müssen jungen Leuten mehr bieten, als MMS Handies oder Photoshopkurse. Wir wollen Medienkompetenz vermitteln und sehen es als demokratiepolitische Notwendigkeit, Öffentlichkeit auch ausserhalb der Interessen von Medienkonzernen herstellen zu können. Dazu braucht es selbstverwaltete, entwicklungsfähige Freiräume, sowohl reale als auch virtuelle.
Was gibt es dringendes zu tun? Mit der Einführung von Digital Rights Management Systemen und den dazugehörigen Gesetzen stehen wir an einem Wendepunkt der Medienentwicklung. Kreative Produkte können schon bald nicht mehr privat oder für Ausbildungszwecke genutzt werden. Dies ist ein starker Einschnitt in unsere Kulturentwicklung. Breite Bevölkerungsteile werden kriminalisiert, weil sie Musik aus dem Netz holen. Hier müssen wir zum Beispiel neue Remunerationstechniken für kreative Leistungen weiterentwickeln und uns dagegen wehren, dass veraltete Distributionsmechanismen technologisch einzementiert werden.
Es wird schwierig sein, in Wien solche Projekte durchzuführen. Viele meiner Freunde speziell aus dem Medienkunstbereich sind bereits abgewandert. Auch ich habe mich entschlossen, meinen Tätigkeitsschwerpunkt zu verlagern, und werde versuchen, an der Fachhochschule Vorarlberg, die hervorragend ausgestattet ist, solche Projekte umzusetzen. Das PUBLIC VOICE Lab haben wir nach 9 Jahren von einem Verein in eine Genossenschaft mit beschränkter Haftung umgetakelt, um mit unseren internationalen Medienprojekten für stürmische Zeiten gerüstet zu sein. In diesem mediencamp werden wir hart am Wind der Ignoranz der Stadtpolitik gegenüber dem III. Mediensektor segeln. Wir beginnen am Sonntag den 28.6. mit dem PUBLIC VOICE shortwave lab: Soundteppich mit Liveeinstiegen aus Radioquellen des Orient und Okzident.
