fairmove

Initiativen für einen nachhaltigen Lebensstil spriessen in vielen Orten und Regionen aus dem Boden. Aber sie sind nicht so leicht zu finden. Manche sind auf der Karte von morgen eingezeichnet, andere finden sich vielleicht auf der Webseite der Transition-Initiativen und bei Human Connection kann man/frau als Pate aktiv werden. Doch wofür stehen die Plattformen, wer steht dahinter und um welche Ziele geht es?

Mit einem klaren Label würde ein gemeinsames Anliegen gleich mitkommunziert werden können. Mit #fairmove haben wir nun einen Kandidat für eine Bezeichnung, die lokal und global das leisten könnte, was "occupy" zur Bankenkrise geschafft hat: dem kollektiven "Wandeln"  einen universell verständlichen Namen geben. "Buen vivir", abgeleitet vom indogenen "Sumak kawsay" ist ein ähnlicher Versuch für eine gemeinsame Bezeichnung, funktioniert aber nicht besonders gut im angelsächsischen oder deutschen Sprachraum.

Weshalb sind die derzeit verwendeten Begriffe nicht ideal? Wandel, Transition oder Change funktionieren zwar in einschlägigen Communities, aber schlecht in der Aussenkommunikation, weil jede/r unter diesen Begriffen was anderes versteht. Degrowth ist schwer aussprechbar und die Gemeinwohlökonomie wird in jeder Sprache anders übersetzt - und die Webseite heisst nochmals ganz anders. Und wenn man vor einem Gemeinschaftsgarten steht, gibt es mitunter gar keine Tafel. Die Bezeichnungen sind zwar recht originell, wie etwa "Gemeinschaftsgarten Glückliches Gemüse" - aber eben solitär. Da tun wir uns schwer, im Strom der Marken und Lebensstile als Leuchttürme für ein "Gutes Leben für alle" sichtbar zu sein.

Ich habe von 2014 bis 2018 ein dutzend Netzwerktreffen von Nachhaltigkeits-AktivistInnen in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland besucht. Dort bildete sich meist eine Arbeitsgruppe zum Wunsch, gemeinsam "lauter" auftreten zu wollen und für Wandelbewegte und die Politik besser sichtbar zu werden. Ich arbeitete mit ihnen an einem Branding - Prozess in mehreren Zyklen. Bei den Workshops auf der Degrowth Konferenz 2014 in Leipzig und bei der Solikon 2015 in Berlin gab es keine klaren Ergebnisse. 2016 hatten wir in Zürich eine Zwischenetappe erreicht: FairLife war schon besetzt, also probierten wir es mit FairVita. Wir haben eine Webseite und prototypische Nutzungsregeln entworfen. Doch es klang zu sehr nach Kosmetik. 2017 entwickelte Christian, ein Masterstudent im Studiengang InterMedia an der FH Vorarlberg eine weitere Variante mit "MoveFair". Als Symbol wählte er die Spirale, inspiriert vom aufgehenden Farn. Damit fuhren wir zu Pfingsten 2018 zum Makers4Humanity Treffen an einem ehemaligen Bergbauwerk in Nordostdeutschland. In den Präsentationsfolien zeigte ich unter anderem einige Beispiele für gelungene Markenentwicklungen im Nachhaltigkeitssektor. Roman warf ein, dass wir etwas ähnliches wie die Redewendung "das war ein good move" in die Welt setzen könnten. Da lag "fairmove" auf der Zunge - und wurde vor Ort gleich ausprobiert. Das Feedback einige der 140 anwesenden Weltverbesserer war ermutigend - vor allem auch jener, die sich schon lange mit Medien und Kommunikation beschäftigen. Spontan organisierten wir ein Fotoshooting - und Leute stellten ihren "fairmove" in einer Pose dar.

Welche Kriterien haben wir angewendet? Hier die Eigenschaften einer guten Bezeichnung, zusammengetragen aus diversen Quellen und wie ich sie an der FH Vorarlberg unterrichte:

  1. bezeichnet, worum es geht (und zwar nicht nur für Insider!)
  2. guter Klang
  3. universell verwendbar
  4. international verwendbar (auch "exportierbar")
  5. mit einem regionalen oder funktionalen Zusatz versehbar (zB fairmove Philosophiecafe Kufstein oder fairmove Servicestelle Österreich oder fairmove FoodCoop Wieden)
  6. auch in anderen Sprachen zumindest auszusprechen oder sogar verständlich (zB mit lateinischen Wurzeln)
  7. schmeckt oder riecht vielleicht sogar nach etwas oder hat was mit einer Bewegung / einem Körperteil zu tun
  8. ist keine Abkürzung
  9. kurz und bündig oder sprechend (muss nicht unbedingt aus Hauptwörtern bestehen - Beispiel "ja natürlich")

Die nächsten Schritte in diesem Prozess wären, Anwendungsbeispiele aufzuzeigen und Nutzungsrichtlinien zu erstellen. Am einfachsten ist es, #fairmove als Hashtag in Sozialen Medien zu verwenden. Als Zusatz zu bestehenden Bezeichnungen kann der Zugehörigkeit zu einer Gesinnung Ausdruck verliehen werden. Und wer für eine Initiative noch keine Bezeichnung hat, kann diese einfach "fairmove Gemeinschaftsgarten Mayrhofen" nennen und verwendet das grafische Erscheinungsbild von fairmove, das es noch auszuarbeiten gilt. Ob und wie auch Unternehmen das fairmove Label nutzen können oder sollen, das gilt es noch zu diskutieren. Prinzipiell wäre es wohl begrüssenswert, wenn auch Teile der Wirtschaft sich zur fairmove Bewegung bekennen, wenn sie nach deren Werten handeln.

Einen eigenen fairmove Wertefächer auszuarbeiten, wäre wohl ein jahrelanger, aufwändiger Konsensierungsprozess. Alleine zu klären, welche Institutionen oder Nachhaltigkeitsinitiativen hier mit beteiligt werden sollen, verlangt Ausdauer. Nutzungsrichtlinien könnten daher zu Beginn als vorläufige "Beta-Version" offen und einfach formuliert werden. Hier ein erster Versuch in einem Satz:

Jede/r darf die fairmove Bezeichnung nutzen, der/die nicht konträr zu den SDGs und Menschenrechten der Vereinten Nationen, der Gemeinwohlökonomie oder ähnlichen nachhaltig orientierten Wertefächern handelt.

Welche Wertefächer das sein könnten, dazu haben wir 2017 in einer Arbeitsgruppe in Wien eine brauchbare Sammlung zusammengestellt.   Für den Fall, dass fairmove in ganz anderen Kontexten - etwa im Motorsport - genutzt werden würde, könnte man ein mehrstufiges Abmahnverfahren vorsehen, um einer Verwässerung des Begriffs vorzubeugen. Die Nutzungsbedingungen könnten in einer Vereinbarung ähnlich den Creative Commons Lizenzen formuliert werden.

Ebenso könnte das Label #fairmove in mehreren Stufen sichtbar gemacht werden. Neben der einfachen und unkomplizierten Form für Privatpersonen oder Initiativen könnten Organisationen oder Unternehmen angeboten werden, das #fairmove Label zu nutzen, wenn sie einmal jährlich an einem Peer-to-Peer Audit teilnehmen, oder - noch eine Stufe höher - sich extern auditieren lassen, ähnlich wie es die Gemeinwohlökonomie vorsieht, um zu einer Gemeinwohlbilanz zu kommen. 

Es gibt also schon zahlreiche Überlegungen, wie fairmove eingesetzt werden könnte. Doch passt dieser Slogan tatsächlich als Meta-Label? Wie führen wir diesen Prozess weiter? Zunächst soll in einer kleinen Gruppe nochmal die Zielsetzung und die Anwendungsfelder eines komplementären Meta-Labels überprüft werden. Dann wären einige mediale Grundlagen zu schaffen, also eine Webpräsenz, die fairmove erklärt und wie es angewendet werden kann.  In einem weiteren Schritte wären die Stufen, dem Weg zu den einzelnen Stufen, deren Darstellung und allfällige Anerkennungsmechanismen auszuarbeiten.  Zur weiteren Koordination wurde ein öffentlicher Chat - Kanal und ein Board für gemeinsame Notizen eingerichtet. Es ist freilich kein Zufall, dass sich "fair" quasi als Vorsilbe schon mehrfach bei Namensprozessen bewährt hat, etwa bei fairkom, die u.a. Internet Cloud Dienste anbieten und wo ich mit im Vorstand bin.

Die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten von fairmove ist gross. Von der solidarischen Landwirtschaft, über Repair Cafes bis zu zukunftsweisenden Investitionen in eine leistbare Wohn - Zukunft. Der Aspekt der Fairness und Nachhaltigkeit wäre mit fairmove sichtbarer. Die "Siedlung Kalkbreite" in Zürich, eine von mehreren Mehrgenerationen-Wohnprojekten wurde kooperativ geplant, gebaut und besiedelt. "Wir haben das realisiert, wovon die Politik mit der 2000 Watt Gesellschaft nur redet" meint Fred, einer der Mitinitiatoren der Siedlung und Teilnehmer am Labelfindungsprozess in der Schweiz. Architekten aus ganz Europa kommen und staunen. Aber es gibt noch passende Bezeichnung, welche diese selbstorganisierte, kooperative Bewegung, die Triebfeder gut beschreibt. Manche sagen zu den Initiatoren "die neuen Wilden", weil einige der Zürcher Subkultur zuzuordnen sind. Die Bezeichnung  "fairmove Mehrgenerationenhaus Kraftwerk1", würde mit dem Meta-Label im Namen neben der Idee des "Cluster-Wohnens" auch die Klima- und Menschenfreundlichkeit mit transportieren. Also das Label "fairmove" soll dort ergänzend wirken, wo die ethisch-nachhaltige Ausrichtung in der Bezeichnung schwer erkennbar ist.   Weitere Anwendungsfelder, wo fairmove passt und wo nicht, müssen einfach ausprobiert werden, etwa in Sozialen Medien als Hashtag. Also dann mal los! Wir sind #fairmove!

 

 

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