Kritik der Kreativität

Im Umfeld des in Wien angesiedelten European Institute for Progressive Cultural Policies [1] entstand 2007 ein weiterer Band in deren Schriftenreihe „repulicart“ zum Mythos der Kreativität in Kultur, Politik oder Ökonomie. Die kulturgeschichliche Entwicklung der kreativen Klasse und die hochgelobten Cultural Entrepreneurs und boomenden Creative Industries werden in fünf Abschnitten einer generischen Kritik der Kreativität unterzogen, welche Anleihen in verschiedenen Diskursen nimmt. Auf dem Rückweg von einer Vorstandssitzung der „Creativwirtschaft Austria“ von Wien nach Dornbirn habe ich den Abschnitt zu den „Industrien der Kreativität“ quergelesen und mir hier einige Notizen gemacht.

Mitherausgeber Gerald Raunig analysiert Bedeutungen des Kulturindustrie – Kapitels aus dem Kulturtheorie – Klassiker „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor Adorno aus den 1940er Jahren. Mit der provokanten Überschift „Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug“ kritisierten sie schon damals die Produktionsbedingungen in der Radio- und Filmwirtschaft, welche darauf ausgerichtet seien, einerseits die RezipientInnen zur Passivität zu verdammen und andererseits die Kreativen in eine Abhängigkeit der Medienindustrie zu stellen. Medial vermittelte Versprechen bleiben unerfüllt, und Konsumenten sollen möglichst oft das Bedürfnis haben, sich diesen dennoch auszusetzen. Die Massen werden fortwährend betrogen und die Kreativen werden eingeschlossen in Institutionengefüge, indem sie als Angestellte weisungsgebunden zu produzieren haben. Kreativität als die letzte Zufluchtsstätte von Autonomie wird gerastert, klassifiziert, planbar, vermarktbar gemacht. Kreativitätsfabriken produzieren Unterhaltungsgüter wie am Fließband, letztlich um den Gewinn der Medienindustrie zu steigern.

In den Creative Industries haben wir es heute jedoch weniger mit großen Unternehmen zu tun, sondern mit EinzelunternehmerInnen und Kleinbetrieben für Mode, Design, Medien oder Software, im Idealfall als Cluster organisiert. Sie arbeiten mit kurzen Perspektiven und projektorientiert. Solche Projektbüros scheinen unabhängig und selbstbestimmt zu agieren, sind aber auch von Unsicherheit und Prekarisierung geprägt. Raunig erklärt mit dem Konzept der Multitude, dass projektorientiertes Arbeiten im Versuch der Institutionalisierung als Kleinbetrieb zu permanenter Angst und Furcht führen muss. Wer von Projekt zu Projekt hechelt, kann nicht glücklich werden. Vor dem Ideal einer materiellen Grundversorgung von Geburt bis zum Tod sind Kreative heute weiter entfernt denn je, wenn sie als ausgelagerte Produktionsstätten für Konzerne dienen. Für Raunig ist die quasi erzwungene selbständige Tätigkeit im Kreativsektor ein Selbstbetrug, auch wenn viele diesen Weg selbst gewählt haben. Mit einem Schuss 68er-Ideal, nämlich in der Selbständigkeit sich selbst zu regieren, sich selbst zu disziplinieren, sich zu gestalten und in diesem Sinne auch frei zu sein, ist dies für viele dennoch das kleinere Übel, verglichen mit dem vollständigen Verkauf der eigenen Person als DienstnehmerIn innerhalb einer Institution.

Angela McRobbie beschreibt in ihrem Beitrag „Die Los-Angelierung von London“ mögliche Wirkungen auf Ausbildung und Karrieren, wenn ein Staat wie Grosßbritannien mit einem Grünbuch „Jeder ist kreativ“ umfassende Maßnahmen setzt, die Felder Medien und Kultur aktiv zu verbinden.
Eine erste Welle der Kreativen nimmt zunächst Bezug auf den Ethos des „Do-it-yourself“. Es sind junge Modedesignerinnen, die Mikroökonomien und Mikromedien in den 90er Jahren geschaffen haben. Deren Stil prägte in Second-Hand Shops und auf Strassenmärkten das britische Modedesign, das in den Zeitschriften iD und Face abgefeiert wurde, wohl wesentlich mit. Die kleinen Labels blieben immer unterkapitalisiert, konnten im Ausland nicht Fuss fassen und wurden irgendwann von Modeketten kopiert. Kreative Arbeit blieb als ein Raum romantischer Idealisierung mit leidenschaftlicher Hinwendung, der für manche lohnender ist als persönliche Beziehungen zu pflegen.
Eine zweite Welle der Kreativen sind die Multitasker, die zumindest vier Projekte vorbereiten, wovon eines Chancen auf nachhaltige Finanzierung hat. Kennzeichnend sind hybride Arbeitsbeziehungen und -bezeichnungen, eine Entspezialisierung, teilweise unbezahlte Arbeit, Praktika und eine Nachtökonomie aufgrund der ausladenden Event- und Freitzeitkultur.
Die heutige dritte Welle folgt dem „the winner takes it all“ Prinzip. Man verfolgt ein Projekt, von dem man erhofft, dass es eines Tages reiche Früchte trägt. Daneben versorgt man sich mit drei oder vier weiteren, profane Tätigkeiten, von denen man lebt. Ein einzelner grosser Treffer ist das, was sich beinahe alle innerhalb der Kulturökonomie wünschen: ein Vertrag mit einem Modehaus abschliessen, eine Nische im Fernsehen besetzen, einen erfolgreichen Roman zu veröfentlichen oder einen Titel zu komponieren, welcher als Hintergrundmusik abonniert wird. Damit ist viel Prestige und die Hoffnung verbunden, die erschöpfende Netzwerkerei hinter sich lassen zu können und sich nur mehr auf sein Ding konzentrieren zu dürfen. Einzelne Erfolge lassen sich auch prima kommunizieren, wenn sich etwa eine Stadt oder eine Region mit einem Kreativen schmücken möchte.

Die britische Regierung muntert dazu auf, das eigene Potenzial freizulegen und in einer talentbasierten Ökonomie an sich selbst zu glauben. Was früher Arbeitsdisziplin bedeutete, ist heute die fortwährende Suche nach dem eigenen Talent, und diese wird von Aus- und Weiterbildungsprojekten in Großbritannien massiv unterstützt, obwohl viele von den Ausgebildeten nie „auf der Bühne“ stehen werden. Wir verinnerlichen die mit dem Mut zum Star verbundene Prekarisierung und Unsicherheit und umgehen aufgrund eines neuen Wettbewerbs Werte wie Anti-Diskriminierung zugunsten des eigenen, persönlichen Vorteils und der Fitness in unseren sozialen Netzen. Insofern ist die Neoliberalisierung unserer Kreativität ein emanzipatorischer Rückschritt, wenn wir mit Ellenbogen nach dem Motto „survival of the fittest“ agieren. Andererseits entstehen auch neue Formen von Solidarität, auf die die Autorin jedoch nicht eingeht.

Wer seine Kreativität wahrnehmen kann, ist auch selbstgenügsamer und lebt erfüllter. Dies mag das Konzept von New Labour für eine Mittelschicht sein, die auch ohne Creative Industries nur beschränkte Perspektiven hat. Wie lohnende Arbeit, selbstbestimmtes und solidarisches Leben in einer Kreativökonomie aussehen kann, dazu benötigt es weiterführende sozialpolitische Diskurse.

[1] http://eipcp.net

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